14.3.2000
Jirka hat mich beauftragt, einen Bericht für die Daheimgebliebenen zu schreiben.
Also: Es gibt hier viel kalifornische Sonne, Mammutbäume, Eukalyptusbäume,
irre lange Autos, Autos mit Hörnern, viele nette Menschen, einige komische Menschen,
baumhohe Kakteen, Kolibris, Klapperschlangen, Bagels, eine geheimnisvolle Feuerzeremonie,
aber vor allem: jede Menge Aikido.
Jeden Morgen um 5.30h aufstehen, Dojo clean up, ab 6.30h Morgentraining oder
Yoga, dann noch mal abends zwei oder drei Klassen; so sieht der Tagesablauf
aus. Jede Woche wird an einem bestimmten Thema gearbeitet und in jedem Training
gibt es für jeden mindestens ein Randori. Nun ist die erste Woche vorbei und
ich fühle mich langsam hier zuhause. Mit Jim, zur Zeit auch Uchideshi hier,
verstehen Jirka und ich uns sehr gut. Und es ist wirklich Klasse, unter Pat
Hendricks-Sensei zu trainieren. Der eigentliche "running-Gag" ist jedoch Connor,
Senseis jetzt einjähriger Sohn, der bei fast jedem Training dabei ist und kräftig
mitmischt. Sensei, mit Connor auf dem Arm unterrichtend, ist ein vertrautes
Bild. Den kleinen Rotschopf mit dem schelmischen Lachen mag hier jeder. Gerade
versucht er mir (ungefragt) beim Schreiben meines Berichtes zur Hand zu gehen.
Die erste Woche haben wir eher ruhig angehen lassen (es hat viel geregnet :-(
). Am Wochenende war schon mehr los: Jirka war beruflich unterwegs und hat ein
Computer-Seminar in San Jose besucht und Jim hat mir San Francisco gezeigt.
It was really great (by the way: der einzige, den mein Englisch belustigt, ist
mein deutscher Sensei >:-( ).
Fortsetzung folgt.
22.3.2000
Es gibt sie tatsächlich, die kalifornische Sonne; seit letzter Woche haben
wir wunderschönes Wetter; tagsüber wird es z.T. über 20° C (wie ist das Wetter
eigentlich in Deutschland? ;-) ).
In Kalifornien ist vieles ein bißchen anders als in Deutschland: Fünfstellige
Hausnummern sind nichts besonderes, ebenso wie fünfspurige Straßen und fünf
Sorten Kaffee, die man im Cafe bekommt. Statt "rechts vor links" gilt im Verkehr:
Wer zuerst kommt, fährt zuerst. Außerdem sind die Ampeln hinter der Kreuzung
aufgestellt statt davor; ziemlich praktisch, wenn man sich daran gewöhnt hat.
Aber eigentlich soll ich ja vom Aikido erzählen, das bei allen anderen Aktivitäten
immer noch den Mittelpunkt bildet. Und ein echtes Highlight haben wir am Wochenende
erlebt: den 30. Geburtstag des Oakland-Dojos, mit dem alles, was hier in der
Bay-Area mit Iwama Ryu Aikido zu tun hat (und das ist eine Menge), eng verbunden
ist. Die ganz Großen gaben sich hier ein Stell-dich-ein; ein 6. Dan war schon
fast nichts besonderes mehr, und es konnte dir passieren, daß ein Trainingspartner
sich im Nachhinein als ein solcher herausstellte (ich kannte bis dahin ja nur
die Namen). Der Tag war ein big event: Zunächst Training von 10-12h, bei dem
jede(r) Sensei (drei davon Frauen!) 15 Minuten gestaltete. Es war faszinierend,
in so geballter Form viele hochrangige Senseis zu erleben. Dem Vorgeführten
in der Praxis zu folgen war jedoch nicht einfach; schon beim Tai no henko mußte
man aufpassen, nicht in den Armen eines/einer anderen zu landen (da beschwere
sich noch mal einer über zu wenig Platz auf der Matte in unserm Dojo in Mainz).
Auffallend war die freundliche Athmosphäre, die das Geschehen begleitete. Nach
dem Training gab's dann die Geburtstagsparty, selbstverständlich auf der Matte.
Eigentlich gäbe es noch viel mehr zu erzählen, aber das würde den Rahmen eines
Berichtes sprengen; ich verspreche jedoch eine Fortsetzung. Nur noch eine Beobachtung
am Rande: Jirka macht sich sehr gut als Kindermädchen :-).
31.3.2000
Ich bin etwas spät mit dem Schreiben; die vierte Woche ist beinahe um und Jirka
schon fast wieder in Deutschland, dringende Angelegenheiten rufen ihn vorzeitig
zurück in die Heimat ... ;-)))
Bevor ich von weiteren Highlights unseres Aufenthaltes berichte, muß ich mich
doch noch (meine treuen Leserinnen und Leser kennen dies schon von den ersten
beiden Teilen dieses Berichtes) etwas über die Kuriositäten und Besonderheiten
auslassen, die mir hier jenseits des großen Teiches (und schon fast darüber
hinaus) begegnen. Diesmal gehts in den Supermarkt. Wie kann es anders sein,
auch Supermärkte sind hier sehr viel größer als in Germany. Statt zu Penny oder
HL geht man hier zu Rite Aid oder Safe Way, letzterer hat übrigends 24 Stunden
und 7 Tage in der Woche geöffnet; hier ganz normal. Der Service ist weitaus
besser als in Deutschland, die Leute sind freundlicher und an der Kasse hat
man selten mehr als ein, zwei Leute vor sich. Außerdem gewittert es dort alle
fünf Minuten in der Gemüseabteilung: Blitzlichter und ein Donnergrollen aus
Lautsprechern künden eine kurze Berieselung der Auslagen an.
Im Aikido stand in der dritten Woche das Schwert im Mittelpunkt: Spüre das Dreieck
von den Hüften zur Schwertspitze bei all Deinen Aikidobewegungen. Sensei richtet
das Training selbst sehr stark nach Jirkas Vorbereitung auf seinen San-Dan aus,
entsprechend hoch ist das Niveau in den Erwachsenenklassen. Deutlich spürbar
ist für mich auch die Tatsache, daß hier sehr hochrangige Deshis auf der Matte
sind; deren Können läßt auch die Ungeübteren schneller vorankommen.
Zu Jirkas Vorbereitung gehört auch, daß er in jeder Klasse (auch kids class)
ein Randori mit vier Ukes zu bestehen hat. Bei einem solchen Randori hat sich
Jirka gestern abend (Donnerstag 4. Woche) ziemlich heftig den Fuß verstaucht.
Trotz der Schmerzen hat er es aber auch sichtlich genossen, von allen so umsorgt
zu werden. Heute früh im Morgentraining wurde dieses Handicap dann zu einer
eigenen Herausforderung: Jirka trainierte auf einem Stuhl sitzend (oder eher
thronend?); sogar sein Randori mit vier Ukes absolvierte er auf diese Weise
!!!
Nun bleibt mir nur noch, vom Wochenende zu berichten. Sensei war nicht da; sie
unterrichtete auf einem Seminar in Miami (großer Erfolg, viele Leute; Sensei
war sehr angetan). Jirka und ich fuhren mit Freunden von Jirka aus seiner langen
Uchideshi-Zeit (Larry, Louis, Carla und Kinder) die Pazifikküste hinab nach
Monterey zum Whalewatching. Mit dem Boot fuhren wir hinaus in die Monterey Bay,
und nach einigem Suchen sahen wir sie: vier Grauwale ließen uns bis ca. 15-20
m an sich ran; wir sahen ihre Fontänen und hin und wieder eine Schwanzspitze.
Auf dem Rückweg zum Hafen begleitete uns zeitweilig eine Delphinherde; und im
Hafen selbst gab es jede Menge Seehunde; aber auch einige Seeotter, die gerade
ihr Dinner auf dem Rücken schwimmend zu sich nahmen. Nun steht schon das nächste
Wochenende ins Haus, aber davon werde ich das nächste Mal erzählen.
8.4.2000
4. Woche
Ich habe noch gar nicht beschrieben, wie der Ort aussieht, in dem ich nun schon
einen Monat lang lebe. Also: San Leandro gehoert zur dicht bevoelkerten Bay
Area und wird zur sogenannten East Bay gezaehlt (die Bay ist eine Meeresbucht,
deren Eingang das Golden Gate bildet). Es ist 30 Autominuten von San Francisco
entfernt und grenzt an den Sueden von Oakland. der groesste Teil von San Leandro
besteht aus Einfamilienhaeusern mit liebevoll gepflegten Vorgaerten und gemuetlicher
Veranda. Oft stehen Zitronen- oder Orangenbaeume oder auch Palmen dort; aber
der fuer mich auffaelligste Unterschied ist, dass es keine Umfriedungen wie
Maeuerchen oder Jaegerzaun gibt. Ausserdem gibt es keine abgeschlossenen Tueren,
dafuer aber eine Nachbarschaft, die gut aufeinander aufpasst.
OK, nun zum Aikido: Von Jirkas Verletzung hatte ich schon geschrieben. im samstaeglichen
Waffentraining im Park nun liess Pat-Sensei uns alle an Jirkas Handicap (Feedicap?)
teilhaben: Nicht nur er uebte die Kumitachi auf einer der Parkbaenke sitzend,
sondern jede/r kam mal dran. Am interessantesten wurde das Ganze beim Waffenrandori
(any attack - any respond). Sensei setzte die Idee, alle an den physiologischen
Einschraenkungen einzelner Deshi teilhaben zu lassen, am Montag fort, diesmal
in Ruecksicht auf Ami, der zur Zeit nur eine Schulter voll belasten kann: Thema
der Woche ist Katate dori; das Training gestaltete sich so, dass alle Uebenden
fuer entsprechende Techniken nur eine Hand oder einen Arm einsetzen durften,
z.B. Iriminage oder Kokyonage. Dies war wirklich eine interessante Erfahrung.
Von einem Highlight kann ich noch berichten: Gestern hab ich an einer Demo unseres
Dojos in einer Highschool in Oakland teilgenommen. Dabei im Mittelpunkt stand
Andrew, der einzige Teenie-Nidan in Aikido in den USA und eben ein Schueler
von Pat Hendricks-Sensei. Jim (mein Mit-uchideshi) hat das Ganze auf Video aufgezeichnet;
vielleicht gelingt es mir, ihm ein Kopie abzuluchsen und nach Deutschland zu
bringen.
Jirka ist nun nach Deutschland zurueckgekehrt, so dass ich die naechsten zwei
Wochen ohne seine Begleitung zurechtkommen muss. Wie mir das gelingt, erfahrt
Ihr in den kommenden Fortsetzungen.
19.4.2000
5. und 6. Woche
Da der Dojo-Computer so seine Eigenheiten hat, habe ich erst jetzt die Möglichkeit,
meinen Reise-Aikido-Bericht fortzusetzen. Zunächst wieder eine kalifornische
Beobachtung: Ohne Auto ist man hier aufgeschmissen: Nahezu alle Wege werden
auf vier Rädern zurückgelegt. Fahren die Kalifornier mal nicht Auto (oder ihren
"truck", wie wie sagen), fahren sie Mountainbike, (daß ja auch ganz hier in
der Nähe seine Geburtsstunde erlebte) - mit dem entsprechenden Outfit, versteht
sich. Als Fußgänger komme ich mir daher zuweilen schon als eine exotische Erscheinung
vor. Nicht nur fahren die Kalifornier viel Auto (Personennahverkehr, wie wir
ihn in Deutschland kennen, ist in Kalifornien nur wenig vorhanden), sie haben
auch ein ganz anderes Empfinden für Entfernungen, d.h. was wir Deutsche "Entfernung"
nennen, ist für Kalifornier bzw. Amerikaner keine. Alles ist hier irgendwie
ein bisschen größer, wie ich ja früher schon angemerkt habe.
Das Leben im Dojo ist für mich schon richtiger Alltag geworden; auch ohne Jirka
wird mir die Zeit hier nicht lang. Je länger ich hier bin, desto mehr Verpflichtungen
kommen auf mich zu, unter anderem auch Aufgaben im Office (mittlerweile verstehe
ich sogar die Leute am Telefon einigermaßen). Meist sind es die Wochenenden,
die Abwechslung ins Dojoleben bringen, so war auch das zweite Aprilwochenende
voller Erlebnisse: Freitagabend war ich mit Ami und seiner Familie in Berkeley
essen (Ami ist der mit der verletzten Schulter; er ist übrigends sehr stolz
darauf, in Deutschland durch meinen letzten Bericht einige Berühmtheit erlangt
zu haben). Samstags war ich wieder mit Jim unterwegs, diesmal nach Muir Woods:
Dies ist ein Teil des Golden Gate Nationalparks, in dem wunderschöne Reedwoods
= Mammutbäume zu sehen sind. Wir hatten sehr viel Glück: Trotz Wochenende war
der sonst ziemlich überlaufene Park fast menschenleer. Sonntags war ich mal
wieder in der City: Dort wurde in Japantown das alljährliche Kirschblütenfest
gefeiert. Unter dem japanischen Turm fanden den ganzen Nachmittag MartialArts-Vorführungen
statt; leider kein Aikido. Besonders beeindruckend war für mich die Vorführung
des Taiko-Dojos: Wie Derwische tanzten bis zu zwanzig Spieler um die Trommeln
herum und schlugen dabei Rhythmen, die durch Mark und Bein gingen.
Die letzte Woche in San Leandro war vom Abschiednehmen geprägt: Nach und nach
mußte ich mich von Leuten verabschieden, die mir in den letzten Wochen vertraut
geworden waren. Wie das große Good Bye für Uchideshi abläuft, hatte ich ja schon
zwei Wochen zuvor bei Jirkas Abschied miterlebt; nun wurde das Ganze für mich
veranstaltet: Jede/r, auch die Kinder, verabschiedet sich persönlich von dir,
indem sie dir Rückmeldung geben, was dein Dasein im Dojo und das Training mit
dir ihnen bedeutet hat. Außerdem gibt es in der letzten Klasse vor der Abreise
noch ein Randori, in dem du dich noch einmal auf Aikidoart von allen verabschieden
kannst. Viel Bestätigung und gute Wünsche habe ich mitgenommen. Sensei hat mir
eine Teedose geschenkt, welche sie lange durch ihre Zeit in Japan begleitet
hat.
Mit Sensei und Connor habe ich dann auch den letzten Nachmittag vor meinem Abflug
verbracht, wandernd im Reedwood Park. Der Abschied ist mir schon schwer gefallen,
aber wie mir einige meiner neuen Aikidofreunde prophezeit haben: Ich werde wiederkommen!!!
(Und mit Prophezeiungen kenne ich mich ja aus ...;-) )